Düstere Serienhelden

Düstere Serienhelden

Gebrochene Gestalten üben als düstere Serienhelden eine weitaus größere Anziehungskraft auf uns aus, als glatte Helden ohne Ecken und Kanten dies vermögen. Dieses Phänomen ist sowohl praktischen Psychologen als auch cleveren Film- oder Fernsehproduzenten bestens bekannt. Und so sind in den letzten Jahren zunehmend jene Serien zu einträglichen Publikumsmagneten geworden, deren Hauptfiguren als düstere Serienhelden mit dem Leben nicht so wirklich reibungslos zurechtkommen. Für diese Tatsache sollen hier zwei eindrückliche Beispiele benannt und aus der Sicht des Seelenforschers kurz umrissen werden: „Dexter“ und „Breaking Bad“.

Düstere Serienhelden #1: Dexter

Die US-amerikanische Kriminalserie „Dexter“ wurde mit begehrten Auszeichnungen wie beispielsweise dem „Emmy“ oder dem „Golden Globe“ regelrecht überhäuft. Und das mit gutem Grund. Denn Dexter Morgan, „Blut-Heini“ und „Laborratte“ im Miami-Metro Police Department, führt in seiner Freizeit den Bodensatz der Gesellschaft einer finalen Verurteilung zu. Konkreter gesagt: Er fesselt der offiziellen Justiz entwischte Schwerverbrecher mit Frischhaltefolie an seinen Tisch, verliest ihnen die Anklagepunkte, sticht sie anschließend mit einem respektablen Messer ab und versenkt die sterblichen Überreste in kompostierbaren Müllsäcken im offenen Meer. Selbstverständlich gerät Dexter Morgan mit diesem Nebenjob recht häufig in verzwickte Konflikte, sowohl hinsichtlich seines Broterwerbs als auch seiner Familie. Der rabenschwarze Humor, der in solchen blutspritzigen Situationen regelmäßig aufkommt, hat ein Millionenpublikum stolze 96 Folgen und acht Staffeln lang nachhaltig begeistert.

Dexter Morgan ist eine Figur, mit der sich jeder Mensch identifizieren kann, der selbst schon mal mit dem Gedanken an deftige Selbstjustiz gespielt hat. Wer hätte sich noch niemals gewünscht, einem kaltblütigen Mörder oder einem brutalen Vergewaltiger wesentlich mehr als das lasche deutsche Strafgesetz angedeihen zu lassen? Wer hätte noch nie die Faust in der Tasche geballt, wenn ein soziopathischer Straftäter wegen eines Formfehlers als freier Mann den Gerichtssaal verlassen kann? Dexter Morgan ist die vollendete Verkörperung all unserer ur-instinktiven Gerechtigkeitsgefühle und mithin eine Lichtgestalt in Rollenfach „Düstere Serienhelden“. Er greift sich kaltblütige Schwerverbrecher, deren Schuld zweifelsfrei nachgewiesen ist, konfrontiert sie ein letztes Mal mit ihren grauenhaften Taten, und macht deren missratenen Leben anschließend ein verdient gewaltsames Ende. Man möchte ihm, dem abgezockten Serienkiller, jedes Mal anerkennend auf die Schulter klopfen, wenn er die Gesellschaft Stück für Stück in Eigenkompetenz vom Abschaum befreit. Und so findet sich der still, aber gleichwohl frenetisch applaudierende Zuschauer plötzlich mit seinen eigenen psychischen Abgründen wohlig schauernd konfrontiert. Als Galleonsfigur für düstere Serienhelden wird Dexter Morgan zum perfekten Rache-Engel, der seinen televisionären „Mittätern“ immer auch einen erbarmungslosen Spiegel vorhält.

Düstere Serienhelden #2: Breaking Bad

Stellen Sie sich vor, Ihr Arzt würde Ihnen mitteilen, dass Sie an Lungenkrebs in weit fortgeschrittenem Stadium leiden, und dass Ihnen nicht mehr viel Zeit auf dieser Welt bleibt. Würden Sie sich dann in eine Ecke verkriechen und mit Ihrem unabwendbaren Schicksal hadern? Oder würden Sie die letzten Monate Ihres Lebens, gänzlich von gesellschaftlichen Konventionen befreit, auf einer kriminellen Überholspur verbringen? Der Chemielehrer Walter White wählt in der vielfach ausgezeichneten und hoch dekorierten Fernsehserie „Breaking Bad“ letzteren Weg in Richtung düstere Serienhelden, und setzt seine fundierten wissenschaftlichen Fachkenntnisse dazu ein, mit der Produktion und dem Verkauf von „Christal Meth“ eine Menge Geld zu scheffeln. Mit diesem Vermögen will er seiner hochschwangeren Ehefrau und seinem schwer behinderten Sohn eine solide Grundlage für ein finanziell sorgenfreies Leben nach seinem eigenen Ableben schaffen. Allerdings ist das raue Drogengeschäft nicht unbedingt die Kernkompetenz des bis dato eher beschaulich betulichen Chemielehrers. Und so stolpert der hustende Held als der Heisenberg für düstere Serienhelden von einer fatalen Situation in die andere, wobei neben reichlich Blut auch jede Menge an schwarzem Humor durch die Gegend spritzt.

Der Protagonist Walther White wird von jetzt auf gleich aus seiner zwar langweiligen, aber immerhin abgesicherten heilen Welt gerissen. Sein Tod naht mit Riesenschritten, und er kann nichts dagegen ausrichten. Diese fatale Gewissheit entfesselt in dem einstmals schlichten Gemüt ungeahnte kriminelle Energien und kreative Kräfte. Womit will man denn einem todkranken Mann auch noch drohen? Walter wirft sämtliche moralische Ketten ab, um in seinem neuen rechtsfreien Raum alles dafür zu tun, dass seine geliebte Familie nach seinem Ableben nicht unter der Brücke schlafen muss. Und damit trifft er mitten in die be- und gerührten Herzen seines riesigen TV-Publikums. Ein todkranker Mann, der sein gesamtes letztes Aufbäumen in den Dienst von Frau und Kindern stellt, und bei dem dieser Zweck jedes, wirklich jedes Mittel heiligt. Wer könnte sich nicht sofort in diese düstere Serienhelden Situation einfühlen? Mit 62 Folgen in fünf Staffeln ist dieses Konzept des Mitfühlens auf die harte Tour jedenfalls bestens aufgegangen. Und für den allgemein wenig beliebten Chemie-Unterricht haben düstere Serienhelden damit ganz nebenbei auch noch eine Lanze gebrochen.

Düstere Serienhelden: Fazit

Selbstjustiz und Selbsthilfe sind zwei tief verwurzelte Konzepte, die jedem von uns mit in die Wiege gelegt werden. Allerdings werden wir später leider allzu oft von gesellschaftlichen Verhaltensvorschriften und absurd ungerecht erscheinenden Gesetzen am tatkräftigen Ausleben dieser archaischen Anlagen gehindert. Dann brauchen wir zum innerpsychisch kompensierenden Ausgleich vogelfreie düstere Serienhelden wie Dexter Morgan oder wie Walter White, mit denen wir uns sofort und liebend gerne identifizieren. Weil diese vom Moralkorsett befreiten Männer im Dienste unseres gerechten und gerächten Seelenfriedens all das, was uns verboten bleibt, ungezügelt ausleben dürfen.

-Carina Collany-

Das herrlich heisenbergische düstere Serienhelden Beitragsbild kommt von https://makeameme.org/
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